Die Presse, Private Banking Magazin, November 2016

Unser Leiter Private Banking, Michael-Karl Sulzbacher, wurde von der Tageszeitung "Die Presse" eingeladen an einem Beitrag zum Private-Banking-Magazin mitzuwirken.

Einen Auszug aus diesem Artikel finden Sie anbei.

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Matt Switzer hat den Überblick. Nicht nur, weil er sich gerade 350 m über Toronto befindet. Vom Restaurant des CN-Tower blickt er hinunter auf die kanadische Metropole. "Da unten stand vor Kurzem noch ein Golfplatz, jetzt ist alles verbaut", erzählt der Manager der städtischen Betriebsansiedlungsagentur Toronto Invest. "Jedes Jahr siedeln sich bei uns 100.000 Menschen an. Jeder zweite Einwohner ist nicht in Kanada geboren", sagt er. Unten im Hafenviertel wird Party gemacht. An den Straßenecken wechseln Tickets für die Raptors um unverschämt hohe Preise den Besitzer. Das Basketballteam ist gut in Form. Und ein 21-jähriger Wiener namens Jakob Pöltl hat sich längst in den Herzen der Fans gespielt. "Er trägt die Nummer 42", sagt ein junger Fan.

Hoffnungsland Kanada. Aber längst ist Kanada nicht mehr nur das Land, in dem Menschen wie Jakob Pöltl eine große Karriere machen wollen, eine neue Existenz aufbauen. "Immer öfter kommen sehr wohlhabende Menschen, die ihre Existenz bei uns sichern wollen", sagt Matt Switzer. Nach den Anschlägen in Paris und Brüssel kamen die betuchten Europäer, um sich nach einem Ausweichquartiert umzusehen. Und mittlerweile sind es die Nachbarn im Süden. Noch am Abend als Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA gewählt wurde, brach in Kanada die Homepage der Einwanderungsbehörde zusammen.

Angst in Europa. Auch in Österreich gibt es Menschen, die sich nicht mehr sicher fühlen. Terror, Flüchtlingswelle, Brexit. All dies trägt zur Verunsicherung bei. "Wo ist es heute noch sicher?", werde er oft gefragt, erzählt ein Wiener Vermögensverwalter. Die Menschen, die diese Frage stellen, sind oft sehr vermögend. Sie haben dieses Vermögen über Generationen aufgebaut, und sie wollen es auch noch für nächste Generationen erhalten. Ihre Familien haben Kriege, Hyperinflation und Staatsbankrott überstanden. Weil sie Entwicklungen früher erkannt haben als andere. "Kanada und Neuseeland stehen dieser Tage für Sicherheit und Stabilität", sagt der Experte aus Wien.

Michael Karl Sulzbacher lebt am Traunsee in Oberösterreich. "Immobilien sind nicht sehr handlich", sagt er. Natürlich kennt auch er Menschen, die sich in Argentinien nach einem Stück Land umsehen. Aber als Krisenwährung empfiehlt er Immobilien "nur in homöopathischer Dosis". Denn nach einer Krise, gar nach einer Staatskrise, holt sich Vater Staat dort Geld, wo es nicht weglaufen kann. Also bei Immobilienbesitzern. Sulzbacher leitet das Private Banking bei der Raiffeisenbank Attersee-Süd. Immer öfter wird er von Kunden mit der Frage konfrontiert: Was bleibt, wenn kein Stein auf dem anderen bleibt? Wenn der Euro zerfällt, die EU zerbricht, die USA als stabiler Anker einer globalen Wirtschaft verloren gehen? Tatsächlich gibt es Menschen, die nicht mehr daran denken, ihr Vermögen zu vermehren, ja auch nicht mehr zu hoffen wagen, den Wert ihres Vermögens zu wahren. Mitunter soll Sulzbacher eine Art Apokalypse-Portfolio zusammenstellen. Nur für alle Fälle. "Wenn wir von Apokalypse reden, dann meinen wir aber nicht: tausche drei Hühner gegen einen Sack Getreide." Grundvoraussetzung sei immer ein intaktes Finanzsystem. Und dann komme man an einer Anlageform nicht umhin: der guten, alten Aktie.

Krisensichere Unternehmen. Aber welchen Unternehmen ist tatsächlich krisensicher? "Am ehesten jene Unternehmen, die schon sehr viele Krisen überlebt haben", sagt Sulzbacher. In seinem Apokalypse-Portfolio findet man deshalb auch Konzerne, die sehr schon lang auf dem Markt sind. "Vorzugsweise sind es Unternehmen, die Weltkriege und Währungsreformen überstanden haben", sagt er. Generell gelte das Motto: Big is beautiful. Obwohl natürlich vor allem die jüngste Finanzkrise anschaulich bewiesen hat, dass der Satz "too big to fail" auch nicht immer stimmen muss. Lehmann Brothers lassen grüßen. Apropos: Banken und Finanzdienstleister sucht man im Apokalypsen-Portfolio ebenfalls vergeblich.

Big is beautiful. Große Konzerne haben einen Vorteil: Sie sind auf der ganzen Welt aktiv und können deshalb lokale Turbulenzen leichter verdauen. Bestes Beispiel dafür ist der Franken-Schock Anfang 2015.

Als damals die Schweizerische Nationalbank ihren Euromindestkurs von 1,20 Franken aufgab, ging es rund. Der 15. Jänner 2015 bleibt nicht nur österreichischen Häuslbauern - die vorzugsweise in Franken-Krediten investiert waren - in grausamer Erinnerung. Der Wert des Franken stieg binnen kürzester Zeit um 30 Prozent. In der Schweiz fielen bis dato rund 10.000 Jobs der Aufwertung des Franken zum Opfer. Bis heute leiden vor allem die Schweizer Klein- und Mittelbetriebe. Kaum bis gar nicht betroffen waren hingegen die großen Konzernmultis der Schweiz. Die Aktien von Roche, Novartis oder Nestlé stürzten zwar kurzfristig ab, erholten sich aber innerhalb weniger Wochen. "Die Globalisierung ist bei einer Sicherheitsaufstellung mehr Segen als Fluch", sagt Michael Karl Sulzbacher.

Wie wird Vermögen vernichtet? Diese Frage stellte sich auch der österreichische Historiker Walter Scheidel. Er ist Professor an der Stanford University. Demnächst erscheint sein Buch „Der große Gleichmacher“. Es handelt vom Zusammenspiel von Gewalt und Ungleichheit in der Menschheitsgeschichte. Scheidel erforschte die Vermögensverteilung über mehrere Jahrtausende und in mehreren Kulturen. Und er kam zum Schluss, dass Umverteilung nur unter sehr gewaltsamen Umständen gut funktioniert. „Über tausende Jahre hinweg gab es nur vier Faktoren, die imstande waren, Ungleichheit signifikant zu reduzieren. Das sind erstens die Massenmobilisierungskriege. Zweitens die Revolutionen, vor allem die russische und die chinesische. Drittens der Zusammenbruch von Zivilisationen“, sagte Scheidel im Frühjahr in einem Interview mit der „Presse“.

Mit anderen Worten: Große Vermögen gehen in der Regel nur nach großen Katastrophen verloren. Und in der Regel nicht einmal dann, wie zwei Forscher der italienischen Notenbank entdeckt haben. Guglielmo Barone und Sauro Mocetti haben nämlich eine Liste der vermögendsten Florentiner des Jahres 1427 mit den Daten des Fiskus von Florenz anno 2011 verglichen. Und siehe da! Die Namen der vermögendsten Familien von Florenz fanden sich bereits auf der fast 600 Jahre alten Liste. Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck lag also falsch, als er sagte: „Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte und die vierte verkommt.“

Wer aber sein Vermögen wie die reichen Florentiner Familien über 20 Generationen erhalten will, braucht Finanzexperten wie Sulzbacher. Er würde im Krisenfall nicht nur auf sehr alte, sehr große und global agierende Konzerne setzen. „Das Unternehmen muss eine Systemrelevanz haben“, sagt er. „Es muss auch in Zeiten, in denen möglicherweise eine Währung zusammenbricht, grundlegende Bedürfnisse abdecken.“ Er denkt hier in erster Linie an die Lebensmittel-, Grundstoff- und Energieindustrie. Er würde in Unternehmen investieren, die eigene Produktionsstätten haben.

USA sind flexibler. Auf jedem Kontinent findet man solche Unternehmen. „Und tendenziell haben manche Länder eine größere Aufschwungkraft als andere Regionen.“ Bestes Beispiel seien die Vereinigten Staaten. Dort nahm die Finanzkrise ihren Lauf, dort kam die Wirtschaft allerdings auch wieder am schnellsten in die Gänge. „Die USA sind einfach flexibler und dynamischer“, sagt Sulzbacher. Und was ist mit Gold? Physisches Gold gehöre immer dazu. Aber ebenfalls nur in homöopathischer Dosis. Am besten Münzen, empfiehlt er. Und dabei gäbe es in Österreich mit dem Philharmoniker ohnehin ein geeignetes Produkt. Aber was ist mit Apple, Facebook und all den anderen Softwaregiganten? Diese Namen findet man in Sulzbachers Apokalypse-Portfolio nicht. „Da passt der Track-Record noch nicht. Die haben noch nicht bewiesen, dass sie einen Krieg überleben“, meint er süffisant.

Mit freundlicher Genehmigung vom Wirtschaftsmagazin "Die Presse", Text: Gerhard Hofer

Das Portfolio für die Apokalypse

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